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Samstag, 9. November 2013

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 13

Huhu, liebes Blogvolk.

Nach langer Zeit gibt es heute eine Fortsetzung in der Serie ‚Wie war das doch damals ...‘. Natürlich sind diese Ereignisse zwischenzeitlich schon mehr als 22 Jahre her, aber ich quäle mich schon seit einige Tage mit dieser Serie. Nach der Folge 7 bin ich etwas von der zeitlichen Reihenfolge abgewichen. Es gab Gründe hierfür. Genauso gibt es einen Grund, auf diese Zeitschiene wieder aufzuspringen.

Heute vor 24 Jahren liefen die Massen in Berlin, Hauptstadt der DDR, los und kein Zaun, egal wie hoch, konnte sie mehr aufhalten. Ich will in dieser Folge nicht die exakten Ereignisse um den 9.November 89 widerspiegeln. Das machen andere ausführlicher und besser. Hier soll es um meinen persönlichen Blickwinkel gehen. Wie ich die Tage davor und danach sowie die historischen Stunden erlebt habe.


Nach dem ‚Ausreisesommer‘ 1989 wurde die Lage im Land immer schizophrener. Die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag halfen der Partei- und Staatsführung nicht mehr weiter. Ein Zusammenbruch war noch in weiter Ferne, aber der Bedarf, besser Zwang, an Reformen, wuchs jede Stunde. Drei Wochen zuvor erfolgte die Ablösung Erich Honeckers von allen seinen Ämtern und Tage später wurde der Kronprinz Egon Krenz zum Generalsekretär, und was weiß ich noch alles, gewählt. Als junger Ingenieur, der über die verkrusteten Zustände in Politik und Wirtschaft frustriert war, habe ich und viele aus meinem Umfeld, Hoffnung aus dieser Entwicklung gezogen. Nach Jahren der Perestroika in der Sowjetunion, gab es nun auch für uns die Chance, ähnliche Veränderungen zu erleben. Rückblickend weiß ich, dass dafür der Zug der Geschichte längs abgefahren war. Menschen, die schon lange mit der DDR abgeschlossen hatten, waren beim Gehen. Aber nicht alle waren darüber glücklich, denn wir wollten nicht weglaufen, sondern selbst ins Rad der Geschichte greifen. Von den heutigen Geschichtshelden Merkel und Gockel-Gauck war damals nirgends etwas zu sehen. Sie waren aber die Helden, wie man heute weiß.

Wie sah es also konkret aus? Überall in der Republik wurden Wohnungen frei, weil sich die Leute über Ungarn und Prag absetzten. Aber die Mehrheit der Bürger weinte diesen ‚Flüchtlingen‘ kaum Tränen nach und so entstand eine neue Bewegung: Wir bleiben hier. Der Staat begann zu wanken, in den Betrieben fehlten von Woche zu Woche immer mehr wichtige Mitarbeiter und der Druck nach oben stieg. Das Politbüro rief eine Krisensitzung nach der anderen ein. Die Politiker wurden Tag und Nacht von Reportern, auch der sonst so linientreuen Presse, mit kritischen Fragen konfrontiert. Ihre Dünnhäutigkeit konnte man an der Körpersprache und Antworten erkennen. Die Mehrzahl der Entscheidungsträger waren der Lage nicht mehr gewachsen. Das befeuerte noch mehr die Medien, nicht nur die westlichen. Diese haben sich aber in dieser Zeit besonders damit hervorgetan, sich sehr in die inneren Angelegenheiten der DDR einzumischen. Ob die heutige BRD das so mit sich machen lassen würde, sei mal so hingestellt. Im Prinzip gab es, bis auf die beschrieben emotional und politisch aufgeputschte Atmosphäre, keinen Hinweis, dass etwas passieren könnte. Schon gar nicht in dieser Dimension. Denn im Nachhinein hat ein damaliger Kollege zu diesen Ereignissen gesagt: Das ist keine Entwicklung mehr, dass ist eine Explosion.

Richtig!

In den Tagen vor dem Mauerfall war ich mit einem westlichen Verwandten, die Mutter meiner Kinder und Kind 1.0 waren bekannterweise dieser Zeit nicht in Berlin, sehr viel in der Zions- (nebst Umweltbibliothek) oder Gethsemanekirche unterwegs und sprachen mit vielen Leuten. Es bildeten sich in der Zeit immer mehr Gruppen und Bewegungen. Alle wollten im weitesten Sinne die Weiterentwicklung der DDR, den legendären Dritten Weg. Keine Fortsetzung des bisherigen Sozialismus, aber auch kein Anschluss oder Beitritt an die BRD. Wir wollten es selber schaffen. Es schwammen in dieser Zeit zu viele Ideale mit. Darauf komme ich in einer späteren Folge dieser Serie noch einmal zu sprechen, wenn es um die Hoffnungen und Chancen nach dem Mauerfall geht.

Dann gab es am 9. November diese wichtige ZK-Tagung. Einer der Tagesordnungspunkte war der Entwurf eines neuen Reisegesetztes, das z. T. genehmigt, aber auch mit mindestens einem Widerspruch durch die Ministerien lief. Es konnte also nicht in Kraft treten, aber Schabowski hat um 18:57 Uhr in der Pressekonferenz zum Stand der Dinge im Land, mit dem Verlesen einer Textpassage, des ihm von Egon Krenz übergebenen Papiers, die Sache in Gang gesetzt. Der Wortlaut, der die DDR ins Reich der Geschichte schoss, ist wie folgt:

„Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“

Dann die ebenfalls legendäre Nachfrage eines Journalisten:

„Wann tritt das in Kraft?“ antwortete Schabowski wörtlich:

„Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Das war sie. Die Explosion!!!


Ich war um diese Zeit auf den Weg in Richtung Studentenclub der HU. Gegen 21:00 Uhr schalteten die Leute hinterm Tresen das Westfernsehen ein. Dort sah ich Momper und Diepgen in trauter Einigkeit weinen. Da wusste ich, hier ist was wichtiges passiert und ging sofort nach Hause. Dort tickerte mich durch die hunderten Fernsehkanäle die wir damals hatten ☺. Es war eindeutig!

Am Grenzübergang Bornholmer war die Sache noch im werden. Am nächsten Morgen auf Arbeit waren alle Kollegen da (so sind wir nun mal ☺) und nach dem Frühstück ging es erst los. Wir nahmen Westberlin ein. Ich traf auf eine fremde Welt, die uns misstrauisch beäugte.

In diesen Stunden hörte die DDR faktisch auf zu existieren. Man hätte sie in den Jahren danach retten und den Dritten Weg gehen können. Das war aber seitens des Westens eindeutig so nicht gewollt.


[zweites Photo: HGUSM]

Mittwoch, 6. Februar 2013

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 12 / Still Invasion

Huhu, liebes Blogvolk.
Als ich noch jung war, damals, da gab es auch schon Punkmusik ☺. Und das im Osten, wie schlimm müssen die Zeiten gewesen sein. Unser aller Freiheitspräsident hat davon bestimmt nichts mitbekommen, er war bestimmt mit anderen Sachen beschäftigt. Wir hörten damals neben Silly und Engerling, auch solche Bands wie Sandow. Eine Punkband aus Cottbus, die auch heute noch praktiziert und Konzerte gibt. Bekannt wurde die Band mit ihrem Song Born the GDR. Eigentlich ein Anti-DDR-Song, er wurde aber in der Wendezeit die Hymne der DDR-Kinder. Heute soll es nicht um diesen Song gehen, sondern um Still Invasion. Uns haben damals die Texte aus den Herzen gesprochen, wie z. B. die Zeile:

„Weißt Du was ich meine mit Doppelkinn
und
Deppen sind nette Leute …“.

Ja, das ist eine Zeit her und heute hat man selbst ein Doppelkinn ☺. Viel Spaß mit Sandow

Sonntag, 27. Januar 2013

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 11


Huhu, liebes Blogvolk.
Die Kinder 1.0 und 2.0 fragen mich von Zeit zu Zeit, welche Musik habt ihr denn damals so gehört. Wenn ich dann die Bands aufzähle, dann gibt es immer den gleichen Effekt. Einige Bands kennen sie, aber viele nicht. Neben Kerth, Monokel, Silly und Engerling und vielen anderen, hörten wir auch Feeling B und Sandow. Aber wie Gerhard Gundermann doch singt:
Mein Autoradio kann heute 100 Sender reinkriegen, aber die Musik, bei der ich meine Unschuld verlor, kommen heute in dem Autoradio nicht mehr vor!

Wie euch sicherlich bekannt ist, wurde aus der halben Band von Feeling B später Rammstein. An dieser Stelle heute ein Filmbericht vom Schweizer Fernsehen, über Aljoscha, den Gründer von Feeling B. Das war schon eine wilde Zeit.

Viel Spaß euch dabei

Dienstag, 15. Januar 2013

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 10

Huhu, liebes Blogvolk. Für meine Kinder und natürlich auch für euch möchte ich gern meine Serie „Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren“ fortsetzen. Es gab dazu einen Anlass, der das Thema bei mir wieder ganz nach oben gespült hat. In den nächsten Tagen hätte ich mich sowieso wieder mich mit dieser Serie beschäftigen müssen, da unser aller Gockel-Gauck (so wie ihn Urban Priol nennt), sich wieder in der Öffentlichkeit zeigt und den großen Widerstandskämpfer mimt. Dazu aber später. Nun aber zu meinem heutigen Thema: Genau vor 25 Jahren, wir wohnten das dritte Jahr in Berlin, und die Mutter meiner Kinder hatte gerade einen interessanten Job bekommen. In dieser Einrichtung war es üblich, in irgendeiner Form zur Karl-und-Rosa-Demo und natürlich zum 1. Mai zu gehen. Das war halt so und auch nicht lebenszerstörend. Wie ich schon hier berichtete, ging unser Versuch, sich den Gegebenheiten anzupassen, gründlich in die Hose. Also wir wollten am 2. Sonntag im Januar 1988 zu Karl und Rosa. Irgendwie kamen wir am Frankfurter Tor in eine, nennen wir es mal ‚Polizeirazzia‘ und es ging für uns nicht weiter. So eine Verhaftung war damals wie heute keine Kleinigkeit. Der Grund für die aufdringlichen Ordnungshüter war abends im Westfernsehen (natürlich auch bei uns, nur mit weniger Polemik) schnell gefunden. Eine Gruppe um Stephan Krawczyk und Freya Klier hatte vorher den Kontakt zu den Medien gesucht und ihre Aktion „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ dort schon platziert. Dementsprechend war auch die Kamerapräsens am Ort des Geschehens. Aus heute bekanntgewordenen Akten kann man entnehmen, dass die Gruppe auch noch gegen Berufsverbot in der DDR protestierte. Das war damals in der Bevölkerung der DDR aber kein Thema. Hitzig wurde das Freiheitszitat diskutiert. Aus diesem Grund bin ich zu den Schriften von Rosa Luxemburg gekommen. Das kann ich heute noch jedem empfehlen. Ihre Bücher sind zwar nicht wie Bestseller geschrieben, lesen sich auch schwieriger, aber man kann ihnen viel entnehmen. So wie dem Kapital von Karl Marx. Eigentlich ein Standardbuch für jeden kreativen Kopf. Man muss damit ja nicht konform gehen, aber wissen sollte man schon um so manches Gesetzt des Kapitalismus. Wie dem auch sei, es ist jetzt 25 Jahre her, als diese so bedeutende Demo kurzfristig eine andere Bedeutung bekam und manchem Ruhm einbrachte. Übrigens: Das war noch die Zeit, in der der Widerstandskampf von Gockel-Gauck noch mit Gesprächen mit der Staatssicherheit definiert war. Nur mal so. Wer darüber mehr wissen will, braucht nur seine Tastatur und seinen Rechner benutzen. Im Gegensatz zu Manfred Stolpe ist er aber ein Held, jedenfalls für die Qualitätsjournalisten in der heutigen Zeit.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 9

Huhu, liebes Blogvolk.

Es muss schon langsam heißen: „… vor 22 + x Jahren“, denn diese Aufnahme ist bereits 24 Jahre alt. Sie entstand zum 39. Republiksgeburtstag. Heute hätte man den 63ste gefeiert. Nur mal so.

Samstag, 29. September 2012

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 8

BERLIN-PRENZLAUER BERG (1990) from Neue Herrlichkeit on Vimeo.

Huhu, liebes Blogvolk.
Es ist ja hinlänglich bekannt, dass ich diese Blog-Serie auch für meine Kinder schreibe, damit die sich heute, morgen oder irgendwann einmal sich mit meiner, unserer Geschichte beschäftigen können. Andere schreiben ein Buch oder nerven in Redeschauen, ich schreibe diese Serie. Und da kommt natürlich auch gleich wieder etwas Kritik aus dem Internet: Also wenn Du, also ich, etwas schreiben willst für Deine Kinder, dann tue es gefälligst und finde nicht immer neue Ausreden. Stimmt, da ist was Wahres dran.
Jetzt gibt es keine Ausrede mehr und ich setze mich gleich an die nächste Folge der Serie: Wie war das … . Ja wie war das eigentlich? Die Erinnerung lässt so manchen Tag und so manche Tat etwas schöner aussehen, als sie vielleicht wirklich war. Deshalb ist es zwischen meinen Erinnerungsberichten mal gut, ein Stückl Film mit einzubauen. Und wie es der Zufall so will, habe dieser Tage bei der guten Anne Roth einen Film über die Wendezeit entdeckt (mein bester Dank in Richtung Anne Roth).
Einen Dokumentarfilm der DEFA, gedreht von Petra Tschörtner. Wie Dokumentarfilme so sind, zeigt auch dieser einige ‚besondere ‚Ausprägungen‘ des Lebens. Aber sie gehören nun einmal dazu, wie die, die ich mehrheitlich erlebt habe. Wenn man die Zeit verstehen und sich eine Meinung neben der offiziellen Geschichtsschreibung bilden will, dann ist dieser Film ein Muss.

Leider gibt es im Leben nicht nur gute Nachrichten. Eine von den traurigen ist die über Petra Tschörtner. Sie ist leider schon 2012 im Alter von 54 Jahren verstorben. Mein Beileid geht an die Angehörigen. Sicherlich ist es in ihrem Sinne, wenn ihre Werke von uns weiter gesehen werden. Aus diesem Anlass lasse ich meinen Protest mal etwas beiseite.

Mittwoch, 4. Juli 2012

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 7

Huhu, liebes Blogvolk.

Es ist eine Weile her, dass ich zu diesem Thema hier etwas geschrieben habe und eigentlich müsste jetzt oben eine 23 stehen, aber was soll's.
Im letzten Teil hatte ich die Zeit von den Kommunalwahlen bis zum 'Ausreisesommer' 1989 beschrieben. Es war eine Zeit, die für die Mutter meiner Kinder und für mich eine persönliche Zäsur darstellte. Das Kind 1.0 kam zur Welt und wir waren natürlich im siebten Himmel. Ein Arbeitskollege holte uns, die stolze Familie, mit seinem Auto vom Krankenhaus ab und brachte uns in unser kleines, aber schönes Heim. Man half sich eben unter Kollegen.
Unsere Ein-Raum-Wohnung war aber nur temporär für eine nun dreiköpfige Familie geeignet, insbesondere wenn dazu noch ständig Besuch aus fast allen Bezirken hinzukam.
Es musste eine neue Wohnung her! Aus der Sicht des Jahres 2012 nur eine Sache des Geldes, aber 1989 und in der DDR etwas schier unmögliches. Gut, wir hätten mit viel 'Gegenliebe' in Marzahn eine Plattenbauwohnung eventuell bekommen können, die wollten wir unter diesen Umständen aber nicht. Hinzu kam noch ein baulicher Mangel in der kleinen Behausung, begründet in der nicht korrekten Ausführung der Schornsteinsanierung. Im Rahmen der FDJ-Initiative Berlin, irgendwie Dachsanierung Prenzlauer Berg ... hastenichgesehen, wurden weitestgehend alle Dächer und Schornsteinköpfe saniert. Sicherlich gab es dabei auch Neuerervorschläge, so wie man diese heute auch noch kennt und einer betraf bestimmt die Höhe der Köpfe. Man hat ein oder zwei Reihen Klinker einfach eingespart und für die Bauarbeiter war alles gut. Nicht aber für uns. An drei von zehn Tagen in der Heizperiode, ging der Zug im Wohnzimmer (dort stand ein wunderschöner Kachelofen) andersherum. Nicht so prickelnd mit einem Baby in der Wohnung und in der DDR ging dann leider nichts im Rahmen der Schadenbeseitigung. Die Wohnung wurde als nicht bewohnbar eingestuft, aber eine neue hatte man deswegen immer noch nicht.

Ich habe unser damals dringlichstes Problem etwas ausführlicher geschildert, um aufzuzeigen, dass diese gar nicht so weit weg von den heutigen waren und das alltägliche Leben nicht vom bösen Stasikraken geprägt war. Es war auch nicht nur grauer Alltag, aber es gab viele Probleme. Und da man sehr viel mehr Freunde hatte als heute, gab es für Vieles eine Lösung. Das hat zusammengeschweißt. In der Partnerschaft und im Freundeskreis.

Aber zurück zu den Ereignissen im Herbst 1989. Die allgemeine politische Situation, insbesondere mit den alten Männern an der Spitze, wurde für die Menschen immer unzureichender. Die politische 'Gegenbewegung' im Lande, angeführt von Leuten der Umweltbibliothek oder dem Neuen Forum (die kamen später hinzu), wurde immer stärker und die Menschen ließen sich nicht mehr bevormunden. Eine schizophrene Welt bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR lies die Leute um die Rockmusiker Toni Krahl und einigen Schauspielern den Versuch unternehmen, eine Demonstration für die Meinungsfreiheit zu beantragen. Ja, das ging an sich nach den Gesetzen der DDR und sie wendeten sich meines Wissens an den Rechtsanwalt Gregor Gysi, um diese Demonstration offiziell zu beantragen. Und es funktionierte! Am 04. November versammelten sich fast eine Million Menschen (so damals die Tagesschau) auf dem Alexanderplatz in Berlin und sprachen sich für demokratische Veränderungen im Sozialismus der DDR aus. Sie wollten keinen Kapitalismus, sie wollten den Sozialismus mit demokratischen Antlitz. Das nur mal so am Rande, denn das hört und liest man heute nicht mehr bei den Qualitätsjournalisten.

Diese Demonstration hat das Land verändert und hat enorme Prozesse in Gang gesetzt. Ohne den 04. November hätte es den Mauerfall so schnell nie gegeben. Die Ereignisse des 09. Novembers wäre undenkbar gewesen. In diesen Tagen ist in Berlin wirklich Geschichte geschrieben worden, es war ganz großes Kino und keiner wusste, wo es hinführt.

Übrigens, unser aller Freiheits-Präsident ist damals nirgends zu sehen gewesen. Als es noch gefährlich war für eine solche Entwicklung einzustehen, war er nicht zu sehen. Später, als viele Wege ausgetreten waren, da war er dann der 'Held' für die Westmedien. Bis heute. Leider!!




[Photo: HGUSM]
[Resolutionstext: Internet]

Montag, 31. Oktober 2011

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 6


Huhu, liebes Blogvolk.

Nach den Kommunalwahlen im Mai 1989 konnte man in der DDR die bevorstehenden Veränderungen mit Händen greifen. So sieht man das natürlich mit dem Blick des Jahres 2011. Damals war unsere Sicht auf die Dinge eine völlig andere. Wir wollten die Veränderungen in der Gesellschaft, keine andere, aber eine, die sich sehr wohl durch innere demokratische Prozesse selbst erneuern kann. Das hatten wir in nächtelangen Diskussionen hunderte Male durchgekaut, aber die Realität sah anders aus. Wir waren von einem Status quo umzingelt, der verknöchert wirkte. Aber es war auch was anders als vor der Wahl. Den Bürgern wurde vor Augen geführt, was man bewegen kann, wenn man sich bewegt. Man sah, es gab nicht nur undemokratische Gesetze, sondern es gab auch viele positive Elemente darin. Als mündiger Bürger, so verstanden wir uns immer mehr, fühlten wir uns dazu verpflichtet, diese auch auszuloten. Jeder in seiner begrenzten Form, aber die Masse hat in dieser Hinsicht eine große Dynamik.
Nicht zuletzt sehen wir das auch im Jahr 2011. Nur so kann man der Politik Zugeständnisse abringen. Die Regelmechanismen sind damals wie heute gleich. Wenn nur genügend Menschen sich für eine Sache stark machen, läuft die Politik beflissen hinterher. Hinterher, nicht vornweg!
Also was war das besondere am Sommer 1989? Es gab eine große Absetzbewegung über Ungarn in den Westen. Malerisch vom Westfernsehen jeden Abend ins Bild gesetzt und von den Bürgern sehr feinfühlig wahrgenommen. Es liefen die weg, die sich immer mit dem Gedanken herumschlugen und solche, die es vor wenigen Monaten noch gar nicht wollten. Die das Land aber dringend brauchte, wenn man einen anderen Weg gehen möchte. Gerhard Schöne hat in dieser Zeit ein Lied geschrieben, dass die Situation damals beschreibt. Es geht in diesem Lied darum, dass alle die weg wollten, an ihre Autoantennen ein weißes Band machten. Deshalb hieß sein Lied auch ‚Das weiße Band‘. Was viele damals dachten, kommt in den Zeilen ‚Ein rotes Band lass ich wehen…‘ vor. Er war keiner der weglief, sondern sich für Veränderungen engagierte. Er, eine Ikone der Vorwendezeit, der durch seine Texte vieles ermöglichte. Im Westfernsehen wurde immer Biermann als jeniger welcher benannt, dem die Menschen in der DDR zuhörten. Seine Lieder und Texte kannte kaum einer, außerdem waren sie viel zu kryptisch und wer in einem anderen Land so hoch gehoben wird, dem schaut man etwas misstrauisch hinterher. Ganz anders war es bei Gerhard Schöne. Er sang sich in die Herzen mindestens einer ganzen Generation und blieb ihnen immer treu. Er lief auch nicht in einer Zeit weg, in der es uns allen möglich war und eine Staatsnähe konnte man ihm nie und nimmer nachsagen.

Dieses Lied beschreibt unsere relative Ohnmacht, auf das, was um uns passierte. Aber nicht nur wir waren in unseren Handlungen beschränkt. Wie man heute weiß, waren die hohen Damen und Herren mit dieser Situation im Land völlig überfordert. Die einsetzenden Montagsdemonstrationen in Leipzig, die verstärkte Arbeit solcher Gruppen wie der Friedensbibliothek in Berlin, alle diese Aktionen konnten durch ein noch so starkes Sicherheitsnetz nicht verhindert werden. Was vor 1988 vielleicht noch möglich war, ging definitiv im Jahr 1989 nicht mehr. Dazu waren die Aktionen zu mächtig und die Anzahl der aktiven Bürger zu groß geworden. Alles was bis dahin als sicher galt, kam irgendwie aus den Fugen. Alle wussten es muss sich was bewegen und ändern, nur keiner konnte sagen, was und wie. Hier gibt es wieder schöne Parallelen zu heute.
Was dann kam und was aus meiner heutigen Sicht sehr wichtig war, war das Handeln von Prominenten und Künstlern. Warum wichtig, dass will ich im nächsten Artikel näher beleuchten.

Bis später.


[Photo: HGUSM]
[Songtext: Mit freundlicher Genehmigung von Gerhard Schöne]

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 5


Huhu, liebes Blogvolk.



In den bisherigen Teilen bin ich bis zu den Jahren 1987/88 gekommen. In diesen Jahren gab es, und davon hört man heute recht wenig, für viele DDR-Bürger erhebliche Reiseerleichterungen. Natürlich ging es nur um Reisen in das NSW (Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet) und sie kam nur für Bürger in Betracht, die in diesem Gebiet/Ländern Verwandte hatten. Die anderen konnten nicht dorthin fahren.


Natürlich gab es diese Erleichterungen nur, um die Unzufriedenheit in der Bevölkerung zurückzuschrauben. Mit wenig Erfolg. Die ganze Sache hatte eine Eigendynamik bekommen, die die Machtverhältnisse im Land erschütterten. Natürlich war die Staatssicherheit überall, aber dann doch wieder nicht so allmächtig, um die vielen Gruppen mit mutigen Menschen in den Griff zu bekommen.



In diese Situation hinein kam die Kommunalwahlen im Mai 1989. Bei dieser gab es zumindest bei uns im Prenzlauer Berg ein Novum. Ein ganz normaler Bürger, so wie Du und ich, ließ sich für die Stadtbezirksverordnetenversammlung (oder wie das damals hieß) aufstellen. Wie viele demokratische Grundstrukturen, war auch dieses Recht im Wahlgesetz der DDR verankert, nur sie wurden nicht mehr ‚gelebt‘. Zum einen sicherlich aus Angst, die Kontrolle über die ablaufenden Prozesse zu verlieren und zum anderen weil es zu wenige Bürger gab, die es einfach probiert haben (ähnlich wie heute vor Stuttgart 21). Der Schaden für die Demokratie in der DDR war dadurch erheblich. Hinzu kam die allgemein spürbare Verunsicherung der Behörden und öffentlichen Stellen.



Andere Bürgerinitiativen wollten in Berlin zum ersten Mal das Wahlergebnis überprüfen. Sie gingen aus diesem Grund in jedes Wahllokal und nahmen an der öffentlichen Auszählung Teil, schrieben die Ergebnisse mit und trugen sie aus ganz Berlin, Hauptstadt der DDR, zusammen. Auch das ließ das Wahlgesetz der DDR zu. Das Ergebnis war ernüchternd. In einzelnen Wahllokalen gab es fast so viele Gegenstimmen, wie im offiziellen Wahlergebnis für ganz Berlin. Dieses Engagement der Bürgergruppen brachte in der DDR vieles ins Rollen. Man sah zum ersten Mal ‚offiziell‘, wie man verschaukelt und wie die Wahrheit Verbogen wurde. Der Effekt war der, dass noch mehr Bürger sich in irgendwelchen Bürgergruppen engagierten oder sich vom Staat abwandten. Ich hatte es schon mehrmals erwähnt, es ging für viele nicht darum das Land zu verlassen, sie wollten nur eine demokratischere DDR. Auf alle Fälle hatten die oppositionellen Gruppen nach der Kommunalwahl einen erheblichen Zulauf und aus meiner Sicht wäre es mit einer anders verlaufenden Wahl, nicht oder mindestens nicht so schnell zum Mauerfall gekommen. Das ausschlaggebende Element für die Wende in der DDR war damit eindeutig die Kommunalwahl 1989. Die setze Prozesse und Massen in Gang, die nicht mehr einzufangen waren und der Kern hierfür war Berlin, speziell der Prenzlberg.



Was haben wir, d. h. die Mutter meiner Kinder und ich, in dieser Zeit gemacht? Wir waren u. a. nicht bei der Wahl. Das ging an sich ganz einfach. Man musste nur ein paar Besuche vom WBA (Wohnbezirksausschuss) erdulden, aber es ist einem dabei nichts passiert. Wir hatten auch schon schlimmere Situationen erlebt. Wieso erwähne ich das? Nein, Helden waren wir nicht, aber wir haben was getan. Ich kann mich noch gut an die Nachrichten an diesem Sonntagmorgen erinnern. Da wurde um 09:00 oder 10:00 Uhr für Wohngebiete in Thüringen und Sachsen gemeldet (dort wohnten Freunde von uns), dass bereits alle wählen waren. Leute, die als alles vorbei war, sich als große Helden deklarierten, waren als es einmal drauf an kam, nicht zu sehen. Viele von denen haben nach der Wende gut Karriere gemacht. Sei es ihnen gegönnt!


So wie auch dem oben genannte ganz normale Bürger, der in die Stadtbezirksverordneten-Versammlung gewählt wurde. Später hatte ich mal mit ihm zu tun und er sagte mir, die anderen konnten mit ihm nichts anfangen, er war für sie ein richtiger Fremdkörper. Aber er war da und das war sehr wichtig für den Herbst 1989.



Dazu später mehr.





[Photo: HGUSM]

Sonntag, 9. Oktober 2011

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 4


Mit diesem Beitrag kommt die Chronologie dieser Serie etwas durcheinander, er soll aber auch nur als Zwischenschnipsel wirken. Als Fingerzeig, denn dieser Tag war wichtig.
Am 08.10.1989 sprach in der Gethsemanekirche Bischof Forck. Er forderte die DDR-Führung auf, deutlich und glaubhaft Schritte einzuleiten, damit […] eine demokratische und rechtsstaatliche Perspektive für die DDR gefunden wird.

Aus meiner Sicht war das ein Meilenstein im Herbst 89. Ohne ihn wäre vielleicht manches anders verlaufen. Deshalb die Abweichung von der Chronologie. Später werde noch näher auf dieses Ereignis eingehen.

Später mehr.

Samstag, 8. Oktober 2011

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 3


Das Jahr 1988 begann spektakulär. Die Mutter meiner Kinder und ich sind zwei Jahre zuvor aus Thüringen weggezogen. Eigentlich mehr geflüchtet. Sie wurde am Rande einer Ausstellung unter dubiosen Behauptungen verhaftet und sollte nach §106 (1), Punkt 1, angeklagt werden. Genauso dubios war die Rückwicklung dieser ganzen Angelegenheit. Eins haben alle Systeme gleich, sie scheuen die Öffentlichkeit. Das war auch ein wesentlicher Schlüssel, um unser Problem zu lösen.
Eine Freiheitsstrafe von bis zu acht Jahren noch lebhaft vor Augen, haben wir relativ schnell in Thüringen unsere Zelte abgebrochen und sind nach Berlin gezogen. In den Stadtbezirk der heute noch angesagt ist, in den Prenzl-Berg. Genauso wie heute war es ein Ort wo viele junge Leute hingezogen sind. Anders als heute waren es Leute, die nicht mit dem System, aber mit der Staatsführung gebrochen hatten. Dort grab es ein angesagtes kulturelles und politisches Leben, jenseits der offiziellen Berichterstattung. Und es war ein Ort um unter zu tauchen. In den tausenden Hinterhäusern des Arbeiterbezirkes gab es viele leerstehende Wohnungen. Einige waren noch so intakt, dass man darin wohnen konnte. Man zog ein, bezahlte die Miete auf das KWV-Konto und nach einem viertel Jahr ging man zu diesen Damen und Herren. Man überraschte sie mit der Information, man sei dieser, der ständig die Miete überweist und man möchte doch gern einen Mietvertrag haben. Ein wenig schimpfen hier, ein paar Tränen dort und schon hatte man einen Mietvertrag. Für den Rest der Republik völlig undenkbar. Dort zogen wir hin und trafen viele Gleichgesinnte. Der Prenzl-Berg war voll mit solchen Typen wie uns. Ein Schmelztiegel der Kultur und Politik und einer der besten und größten Geheimdienste der Welt konnte relativ wenig dagegen machen. Der Durchsatz war so enorm, dass man eben unter sich war. Dort entstanden Gruppen in oder jenseits der Kirche (Friedensbibliothek) oder sammelten sich Menschen um schillernde Persönlichkeiten (Anderson). Es war ein Traum und dort fühlten wir uns wohl. Wie gesagt, es ging nicht darum das Land zu verlassen. Viele einte die Suche nach Alternativen.
Als wir nach Berlin kamen, fand ich binnen Stunden eine Arbeit. Bei der Mutter meiner Kinder war das schwieriger. Sie war einige Monate arbeitslos. Eine der wenigen in der DDR, aber auch das gab es. Und es fand sich ein Job, der sie interessierte und im wesentlichen bis heute ausfüllt.
Das alles schreibe ich nur, um den Hintergrund ein wenig zu beleuchten. Wie gesagt, das Jahr 1988 begann spektakulär. Im Januar gibt es bis heute die Demo für Karl und Rosa. Zu DDR-Zeiten natürlich ein Event unter ganz anderen Vorzeichen als heute. Die Mutter meiner Kinder frisch im neuen Job und da wollten wir den guten Willen zeigen und dort mal hingehen. War ein Fehler. In diesem Jahr hatte die Gruppe um Stefan Krawczyk ‚etwas’ geplant, was den Sicherheitstypen nicht entgangen war. Dementsprechend war dann die Sicherheitslage allgemein und die Aktion gegen die Gruppe im besonderen. Was da geschah weiß jeder oder kann man nachlesen. Es gibt ja das Internet. Wir also kamen auf dem Weg zur Karl und Rosa-Demo zum Frankfurter Tor. So wie ich damals aussah, mit Lodenmantel und wie auch immer, sind wir in das Beuteschema bestimmter Leute auf diesem Platz gefallen. Man zerrte uns ‚diskret‘ in einen der Säulengänge die es dort gibt und überprüfte uns. Unsere altbekannte Strategie „Öffentlichkeit suchen“ schlug total fehl, weil der gesamte Platz nur von solchen Leutchens ausgefüllt war. Ich war zum ersten Mal erschrocken über die Macht, die dieser Apparat hatte. Nicht wegen der Präsenz Vorort, nein, weil die Herren große Listen hatten, mit vielen Namen. Aus irgend einem Grund standen wir da nicht drauf und konnten gefühlte Tage späte wieder gehen.
Warum erzähl ich das so lang wie breit? Weil unser Leben sich danach wieder einmal total veränderte und nach meiner Einschätzung traf das auf große Teile unseres Landes zu. Wir wurden massiv überprüft. Ich bekam von mir wirklich wohlgesonnen Menschen eine Rückmeldung, wie „Was hast Du denn angestellt? Was hast Du denn ausgefressen? Hier waren mehrere Leute und wollten das und das über Dich wissen.“ Das war damals eigentlich nichts Besonderes, aber nicht in dieser Dichte. Was mich aber getroffen hatte war eigentlich der Fakt, dass gute Freunde ganz oder weniger offiziell den Kontakt zu uns abbrachen. Offiziell die, die den Mut dazu hatten. Andere hatten nur ihre Karriere im Sinn und waren feige noch dazu.
Das war mein Eindruck ab so 1987/88. Da spaltete sich der verbleibende Rest der Gesellschaft. Einige sahen es lockerer, die anderen wurden zum Teil zur Verbissenheit getrieben. Es war ja auch logisch, denn der Laster ‚DDR’ raste immer schneller Richtung Abgrund und es ist den alten Herren oder mindestens den Entscheidungsträgern darunter, ein wenig aufgefallen.
So sah es in Berlin aus. In der Provinz war das alles viel ruhiger und viel mehr unter Kontrolle. Die schimpften erst einmal auf die Berliner und dann viel später dachten sie daran, was zu ändern.

Später mehr!















[Photo Gethsemane-Kirche 08.10.1989: HGUSM]

Samstag, 1. Oktober 2011

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 2


Also wie war das, sagen wir mal vor 30 oder 40 Jahren. Ein Land, das unbestreitbar nach dem Mauerbau Riesen Fortschritte erzielt hat. Mit der Wirtschaft ging es voran, die Versorgung der Bevölkerung verbesserte sich wesentlich und die Menschen begannen sich einzurichten. Sie sahen auch die Vorteile dieses Gesellschaftssystems und über allem stand: Nie wieder Krieg. Dem ordnete sich viel unter. Der stärker werdende Überwachungsapparat, die immer größer werdende Armee. Die Leute spürten trotzdem Fortschritte. Dann kamen die 70er. Ohne jetzt in die Tiefe zu gehen kann man sagen, bis Mitte der 70er ging es immer irgendwie bergauf. Dann setze wirtschaftlich eine Stagnation ein, mit verursacht durch die Verstaatlichung der letzten Privatunternehmen. Danach gab es keinen Mittelstand mehr, der aber eine hohe Verantwortung bei der Versorgung der Bevölkerung hatte. Die großen Kombinate dünnten eher ihre Produkte aus, als dass sie sie erweiterten. Wirtschaftlich ging es nicht weiter und die Bevölkerung merkte es immer mehr. Hinzu kam noch, dass die politischen Lockerungen nach dem 8. Parteitag, die hauptsächlich von Erich Honecker vorangetrieben wurden, Mitte der 70er zum erliegen kamen. Es wurden u. a. wieder Filme verboten und besonders plakativ war die Biermann-Ausbürgerung für uns. Hier wusste dann auch der letzte Interessierte, was die Stunde geschlagen hatte. Danach klammerte sich eine immer älter werdende Gruppe an die Macht. Sie verstanden zum Teil nicht mehr, was um sie herum passierte. Die Gesellschaft stockte!

Wie wirkt das alles auf junge Menschen? Egal ob sie diesem System positiv oder negativ gegenüber standen, es war frustrierend. Jeder, sobald er seinen ‚Platz‘ in der Gesellschaft gefunden hatte, suchte sich eine Nische. Dort angekommen richtete er sich so gut wie möglich ein. Um ihn herum herrschte ein Status Quo und eine Änderung war nicht absehbar. Wobei gesagt werden muss, dass Ende der 70er immer noch Bewegung in der Gesellschaft erkennbar war. Die endgültige Verstockung, der richtige Frust kam erst in den 80ern. In dieser Zeit begannen auch die gefühlten Ausreisen aus dem persönlichen Umfeld zu steigen. Die gab es vorher auch schon, aber es war alles überschaubar.

Als ich z. B. Mitte der 80er mein Studium abschloss und nach Berlin in mein zweites ‚richtige‘ Arbeitsleben kam, da traf ich auf wirklich kluge und kompetente Leute. Aber fast alle hatten eins gemeinsam, sie waren desillusioniert. Auch wenn man wollte, in dieser Zeit war schon nichts mehr in der Wirtschaft zu bewegen. Man hatte jeden Tag nur noch das Gefühl, Schadensbegrenzung zu leisten. Dann blieben immer mehr kluge Köpfe weg und diese Lücken konnten kaum noch adäquat geschlossen werden.

Was also geht im Kopf junger Leute vor, die vor so einer Zukunft stehen. Bis in die Haarspitzen motiviert, sie wollen was erreichen und dann das. Wegzugehen war in der Tat für den größten Teil der Bevölkerung keine Alternative. Das kann ich auf alle Fälle aus meinem Umfeld so einschätzen.

Was also tut man dann? Z. B. man steht am Zeitungskiosk und holt sich den Sputnik. Unter Gorbatschow gab es in der Sowjetunion Bewegung, die wir für uns erhofften. Oder man las nach den Politbürositzungen die Berichte, um zwischen den Zeilen die Kursänderung hin zur Perestroika zu finden. Wie bekannt, ohne Erfolg.

Das ist also der Stoff, mit der wir in die Jahre 1988/89 gegangen sind.

Mehr später.

[Photo: HGUSM]

Mittwoch, 28. September 2011

Wie war das doch noch einmal vor 22 Jahren - 1


Huhu, liebes Blogvolk.

Viele Tage trage ich diesen Artikel schon mit mir herum. Getrieben hat mich wieder einmal der deutsche Einheitsbrei in den Medien. Es ließt sich immer gut, wenn Wessis erklären, was 1989 und davor alles und warum passiert ist. Besonders gern höre ich Leuten zu, die viel von Unterdrückung und Widerstand erzählen. Viele von denen habe ich damals aber nirgends gesehen. Als das Gröbste vorbei war, ja dann waren alles Helden. Ich bin nie und nimmer einer, aber ich möchte hier nur meine Sicht der Dinge schildern. Natürlich war diese auf die Ereignisse nur begrenzt und sehr klein, aber ich möchte diese weitergeben. Vielleicht schmunzeln da wieder unsere Qualitätsjournalisten, aber mein Blick ist sicher näher an den damaligen Ereignissen dran als der von denen aufgeschnappte.

Beginnen möchte ich das nächste Mal mit den Jahren davor, vielleicht von den beginnenden 80ern bis hin zur Karl-und Rosa-Demo 1988. Das gehört einfach dazu, um diesen ganzen Komplex zu verstehen. Daran kann man die Parallelen zu heute gut rausarbeiten.

Na, dann seit mal gespannt und ich habe jetzt schon den Schweiß auf der Stirn


[Photo: HGUSM]